Technologie
Führende Hersteller humanoider Roboter in der EU: Marktübersicht 2026
Thomas Goldhofer
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9 Min.

Im Jahr 2026 werden europäische Hersteller mehrere humanoide Roboter in industriellen Pilotprojekten einsetzen – dennoch klafft weiterhin eine weite Lücke zwischen technischer Vision und nachgewiesener Reife im Realbetrieb. Diese Marktübersicht vergleicht die führenden Anbieter auf Basis öffentlich dokumentierter Feldtests, technischer Spezifikationen und ihrer Eignung für die Logistik. Ein evidenzbasiertes Ranking zeigt, wer aktuell die Nase vorn hat und welche Systeme sich für welche Aufgaben besonders eignen.
Humanoide Robotik im Jahr 2026: Zwischen spektakulären Demos und realem Logistikeinsatz
Bis 2026 werden humane Roboter einen Punkt erreicht haben, an dem sie nicht mehr nur als reine Forschungsprojekte betrachtet werden können. Die ersten Systeme sind bereits in Produktions- und Logistikumgebungen im Einsatz, Hersteller bauen Massenproduktionskapazitäten auf und führende Industrieunternehmen gehen langfristige Partnerschaften mit Robotikfirmen ein. Dennoch ist der Markt von einer flächendeckenden industriellen Verbreitung noch weit entfernt.
Eine im März 2026 vom Fraunhofer IML veröffentlichte Studie identifizierte rund 80 humane oder humanoid-inspirierte Systeme mit potenzieller Relevanz für die Logistik. Der Markt ist stark fragmentiert und wird nach wie vor hauptsächlich von außereuropäischen Anbietern dominiert. Dennoch erwarten rund drei Viertel der befragten Unternehmen, humane Roboter innerhalb der nächsten zehn Jahre produktiv einzusetzen. Das Fraunhofer-Institut nennt Testumgebungen, offene Standards, sichere Mensch-Roboter-Kollaboration und die fortschreitende Digitalisierung von Logistikprozessen als zwingende Voraussetzungen für den Durchbruch.
Genau hier verläuft im Jahr 2026 noch die entscheidende Trennlinie zwischen Marketing und industrieller Realität. Das Fraunhofer IPA hat daher einen standardisierten humanoiden Benchmark entwickelt, um unter anderem Reinraumkompatibilität, funktionale Sicherheit, Cybersecurity, Energieeffizienz, Fähigkeiten und Navigation sowie die Systemintegration objektiv zu messen. Die Forscher weisen explizit darauf hin, dass der Markt derzeit zu intransparent und volatil ist, um die tatsächliche Eignung für die Industrie allein auf Basis von Herstellerangaben zuverlässig zu beurteilen.
Aus Sicht der Logistik ist dies besonders relevant. Eine beeindruckende Laufdemonstration sagt wenig darüber aus, ob ein Roboter acht Stunden lang Behälter kommissionieren, ungeplanten Hindernissen ausweichen, mit SAP EWM oder einem WMS kommunizieren und nach einem Greiffehler autonom weiterarbeiten kann.
Auch die Kosten bleiben ein entscheidender Faktor. McKinsey schätzt die Kosten für heutige humane Roboter grob auf 30.000 bis 150.000 US-Dollar und geht davon aus, dass für einen echten Massenmarkt Kostensenkungen von mehr als 50 Prozent erforderlich sein könnten. Aktuatoren können bis zu 60 Prozent dieser Kosten ausmachen. Eine aktuelle Studie von NEXERY prognostiziert für das Ende des Jahrzehnts einen Durchschnittspreis von rund 55.000 US-Dollar für industrielle humanoide Roboter. Gleichzeitig identifiziert die Studie die technische Reife im Jahr 2026 ganz klar als noch auf strukturierte Betriebsumgebungen beschränkt: Materialhandhabung, Kommissionierung, einfache Montage und Inspektion sind möglich, während Robustheit, Energie- und Thermomanagement sowie die sichere Mensch-Roboter-Interaktion in unstrukturierten Umgebungen weiterhin Hürden darstellen.
Für Logistikunternehmen bedeutet das: Die interessanteste Frage ist nicht mehr, ob humane Roboter prinzipiell funktionieren. Entscheidend ist, welcher Hersteller als Erster eine beeindruckende Demonstration in eine zuverlässige, integrierbare und kosteneffiziente Logistikarbeitskraft verwandelt.
Das Roboter-Ranking 2026 aus Logistik-Perspektive
Für dieses Ranking gewichten wir Manipulation und Traglast mit 25 Prozent, Autonomie und Wahrnehmung mit 20 Prozent, Logistik- und IT-Integration mit 20 Prozent, Reife/Sicherheit/Praxiserfahrung mit 20 Prozent sowie Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit mit 15 Prozent. Dies ist bewusst ein redaktionelles, auf Evidenz gestütztes Ranking und kein standardisierter Labortest.

Tabelle 1: Logistikfokussiertes Ranking 2026 führender europäischer humanoider Roboterplattformen, das deren wichtigste Stärken und die wesentlichen Herausforderungen hervorhebt, die einen großflächigen industriellen Einsatz noch behindern.
Die wichtigsten technischen Vergleichsparameter

Tabelle 2: Technischer Vergleich von fünf europäischen humanoiden Roboterplattformen in den Bereichen Mobilität, Traglast, Geschwindigkeit, Laufzeit, Manipulationsfähigkeiten, logistische Software-Integration und öffentlich verfügbare Preise.
Die Tabelle verdeutlicht auch ein grundlegendes Problem des heutigen Marktes: „Traglast“ ist keine einheitlich definierte Kennzahl. NEURA gibt an, dass der 4NE1 bis zu 100 kg „heben“ kann. Renault berichtet von einer Traglast von 40 bis 50 kg für den Calvin und demonstriert eine Nutzlast von ca. 30 kg in Form von zwei Reifen. Oversonic hingegen unterscheidet klar zwischen 10 kg pro Arm, 20 kg mit beiden Armen und 500 kg Transportlast auf dem Fahrzeugmodul. Beim Iggy Rob weichen die Traglast für Arm/Bauteile und die Tragfähigkeit der mobilen Plattform stark voneinander ab. Solange es keinen herstellerübergreifenden Standardtest gibt, sollte ein Anwender daher niemals nur die reine Maximalangabe in Kilogramm vergleichen.
1. NEURA Robotics 4NE1 Gen 3.5 – das derzeit überzeugendste europäische Gesamtpaket
Mit dem 4NE1 verfolgt NEURA Robotics aus Metzingen den ehrgeizigsten europäischen Ansatz für einen universell einsetzbaren humanoiden Roboter. Das aktuelle Modell Gen 3.5 ist rund 1,80 Meter groß und wiegt laut Hersteller ca. 80 kg. NEURA gibt für die 4NE1-Familie einen Traglastbereich von 10 bis 100 kg an; bei der Vorstellung der dritten Generation betonte das Unternehmen speziell, dass der Roboter dank seiner Gelenktechnologie bis zu 100 kg heben kann. Die maximale Geschwindigkeit wird mit 5 km/h angegeben.
Für einen Logistikdienstleister ist die maximale Traglast jedoch nicht der spannendste Aspekt des Systems. Viel entscheidender ist die Kombination aus Ganzkörpersensorik, Manipulation, Wahrnehmung und Software-Integration. NEURA hebt die 360-Grad-Wahrnehmung, eine sensorische „Haut“, multimodale KI, Computer Vision und Reinforcement Learning hervor. Der patentierte OmniSensor soll zwischen Personen und Objekten unterscheiden können, sodass der Roboter sein Verhalten entsprechend anpasst. Hinzu kommen feinmotorische, adaptive Hände und austauschbare Unterarme.
Für die Gen 3.5 hat NEURA bereits sehr konkrete technische Schnittstellen definiert: Wi-Fi 6, Ethernet, Python SDK, ROS 2 und C++ SDK. Hinzu kommen der Zugriff auf digitale Zwillinge, Teleoperation und die Integration in das Trainingssystem NEURA Gym. Als offizielle Anwendungsbereiche werden multimodale Interaktion, Bedienung bzw. Manipulation und Transportaufgaben genannt.
Warum der 4NE1 für die Logistik besonders interessant ist
Die bisher vielversprechendste Praxisdemonstration stammt aus einem gemeinsamen Proof of Concept von NEURA, SAP und BITZER. In einem BITZER-Lager in Rottenburg wurde der 4NE1 über die SAP Business Technology Platform an SAP S/4HANA Extended Warehouse Management angebunden. Der Roboter führte Kommissionieraufgaben autonom aus und synchronisierte seine Arbeitsschritte direkt mit der SAP-Geschäftslogik. Laut den Projektpartnern war er zudem in der Lage, auf kurzfristige Auftragsänderungen zu reagieren. Vor dem physischen Einsatz wurde das Szenario in NVIDIA Isaac Sim trainiert.
Aus meiner Sicht ist dies ein wesentlicher Unterschied zu vielen spektakulären Demos. Für den realen Logistikbetrieb ist es weitaus wertvoller, wenn ein Roboter einen geänderten EWM-Auftrag korrekt verarbeitet, als wenn er besonders schnell über eine Bühne laufen kann.
NEURA hat zudem verschiedene 4NE1-Modelle angekündigt. Neben dem klassischen humanoiden Design wird es radgetriebene Varianten für Industrieböden sowie Versionen mit einer zusätzlichen siebten Achse oder vergrößertem Arbeitsbereich geben. Das ist absolut sinnvoll: Wo keine Treppen gestiegen werden müssen, ist eine mobile Plattform auf Rädern hinsichtlich Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit deutlich überlegen.
Partnerschaften: SAP, BITZER, Schaeffler und NVIDIA
Besonders relevant ist die Technologiepartnerschaft mit Schaeffler. Schaeffler soll unter anderem Schlüsselkomponenten wie Aktuatoren entwickeln und liefern. Gleichzeitig plant Schaeffler, humanoide Roboter von NEURA im eigenen globalen Produktionsnetzwerk einzusetzen und bis 2035 eine mittlere vierstellige Anzahl zu integrieren. NEURA gibt explizit an, dass die Kooperation die Verfügbarkeit von Aktuatoren für den Dauerbetrieb sichern, die Industrialisierung unterstützen und gleichzeitig reale Produktionsdaten für das „Neuraverse“ generieren soll.
Damit adressiert NEURA zwei der größten Herausforderungen, vor denen fast jeder Robotikhersteller steht, gleichzeitig: industrielle Produktionsvolumina und reale Trainingsdaten. Die Partnerschaft mit SAP und BITZER ergänzt diesen Ansatz auf der Seite der Unternehmens- und Logistiksoftware. NVIDIA Isaac Sim wird bereits für die virtuelle Vorbereitung realer Logistikaufgaben genutzt.
Worauf konzentriert sich NEURA derzeit am meisten?
NEURA nennt öffentlich keine einzelne Schwachstelle als ihr „größtes technisches Problem“. Schaut man sich jedoch die aktuellen Partnerschaften an, wird deutlich, dass Industrialisierung, Aktuatoren-Lieferketten, Langzeitstabilität und die Erfassung hochwertiger Realdaten im Fokus stehen. Dies deckt sich mit der branchenweiten Analyse von McKinsey, die Aktuatoren und die industrielle Lieferkette als die zentralen Skalierungsengpässe in der humanoiden Robotik identifiziert.
Aus technischer Sicht muss NEURA nun beweisen, dass die beeindruckende Kombination aus 100 kg maximaler Traglast, komplexer Sensorik und kognitiver Software auch nach tausenden Betriebsstunden im realen Schichtbetrieb wirtschaftlich stabil bleibt. Im Jahr 2026 fehlen hierfür noch öffentlich zugängliche Daten zu MTBF, Uptime und Taktzeiten.
Wie viel kostet der 4NE1?
Hier zeigt sich NEURA für europäische Verhältnisse ungewohnt transparent. Für den 4NE1 Gen 3.5 nennt die Vorbestellseite einen geschätzten Preis von 98.000 Euro pro Einheit bei Bestellungen von 1 bis 19 Stück und 60.000 Euro pro Einheit ab einer Abnahmemenge von 20 Stück, jeweils zuzüglich Steuern und Versand. Die Vorbestellgebühr beträgt 100 Euro; die Verfügbarkeit wird für Ende 2026 angekündigt.
Das ist strategisch bemerkenswert: Ein Preis von 60.000 Euro bei größeren Stückzahlen läge bereits nahe dem Durchschnittsniveau, das Marktstudien erst für das Ende des Jahrzehnts erwarten. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dieser Preis auch für voll ausgestattete Industrieprojekte inklusive Integration, Engineering, Sicherheitskonzepten, Service und Peripherie realisierbar ist.
Logistische Bewertung
Der 4NE1 ist im Jahr 2026 der technisch fortschrittlichste europäische Kandidat. Vor allem die praxiserprobte Anbindung an SAP EWM, die hohe angegebene Traglast, die offene Software-Integration und die konkrete Industrialisierungspartnerschaft mit Schaeffler sichern NEURA den ersten Platz.
2. Wandercraft Calvin-40 – Europas Spezialist für schwere Aufgaben auf zwei Beinen
Wandercraft stammt ursprünglich aus einem völlig anderen Bereich. Das französische Unternehmen hat selbstbalancierende Exoskelette entwickelt und verfügt daher über jahrelange Erfahrung mit dynamischer Ganzkörpersteuerung, Balance und sicherheitskritischer Robotik. Genau diese Expertise steckt nun im humanoiden Calvin-40. Laut Wandercraft basiert die Plattform auf mehr als einem Jahrzehnt Exoskelett-Entwicklung.
Calvin wurde speziell für körperlich anspruchsvolle Industrieaufgaben konzipiert. Wandercraft hebt drehmomentstarke Motoren, eine hochfeste Struktur und eine Ganzkörpersteuerung hervor, die sich automatisch an die aktuelle Last anpasst. Für die Wahrnehmung werden 3D-Sensoren und KI-basierte Bildverarbeitung eingesetzt. Eine autonome Navigation ist geplant. Ein zertifizierbares Sicherheitssystem soll den Betrieb ohne physische Schutzgitter ermöglichen. Wandercraft nennt zudem eine Ausfallrate von weniger als 1 zu 1.000 als Entwicklungsziel.
Wandercraft veröffentlicht derzeit kein öffentlich zugängliches, vollständiges Datenblatt mit Angaben zu Eigengewicht, Batteriekapazität oder Reichweite. Renault liefert jedoch einen Wert, der für die Praxis deutlich wertvoller ist: Im Werk Douai hebt Calvin im Testbetrieb zwei Reifen mit einem Gesamtgewicht von ca. 30 kg. Renault gibt an, dass Calvin 40 bis 50 kg tragen kann. Zur Stabilisierung nutzt er unter anderem IMUs in den Gliedmaßen, Kraftsensoren unter den Füßen und eine RGB-D-Kamera.
Bereits demonstrierte Fähigkeiten
Auf seiner Produktseite nennt Wandercraft vier zentrale Anwendungskategorien: Handhabung von großen bis hin zu Präzisionsteilen, Materialfluss von Kartons, Kisten und Paketen, Kommissionierung und Kitting sowie Produktionsaufgaben wie Montage und Maschinenbeschickung. Die Formulierung des Herstellers ist hier wichtig: Calvin hat wiederkehrende industrielle Arbeitsabläufe bereits erlernt und ausgeführt. Präzisere Handhabungsaufgaben wie das Kommissionieren und Zusammenstellen kleiner und großer Objekte werden derzeit weiterentwickelt.
Für die Logistik ist dies eine wesentliche Unterscheidung. Die Handhabung schwerer Materialien ist bereits eine Kernkompetenz. Die feingliedrige Kommissionierung ist noch in Arbeit. Calvin eignet sich daher heute besonders gut für Behälter, Reifen, Kisten, Großteile und die Materialbereitstellung – und weniger für das schnelle Handling vieler kleiner, heterogener Artikel.
Renault als Entwicklungspartner und zukünftiger Großanwender
Im Jahr 2025 beteiligte sich Renault an Wandercraft und ging gleichzeitig eine kommerzielle Partnerschaft zur Entwicklung einer ganzen Familie neuer Roboter ein. Renault steuert nicht nur Kapital bei, sondern auch Produktions-Know-how, konkrete Anwendungsfälle und Erfahrung im Bereich Design-to-Cost. Später soll die Zusammenarbeit auch die Industrialisierung von Robotern und Exoskeletten umfassen, um die Kosten durch Skaleneffekte und Automobil-Produktionsmethoden zu senken.
Die Partnerschaft ist mittlerweile weit über ein reines Demo-Setup hinausgewachsen. Renault plant mit rund zehn Robotern bis Ende 2026 und einer Roadmap von 350 Einheiten in französischen und spanischen Werken bis Ende 2027. Calvin wird bereits in einem realen Reifenhandling-Prozess im Werk Douai getestet.
Zudem hat Wandercraft eine Implementierungspartnerschaft mit dem italienischen Automobilzulieferer SAPA geschlossen. Dort liegt der Fokus zunächst auf der Umsetzung hochpräziser, repetitiver Bewegungen großer und schwerer Teile, gefolgt von der gemeinsamen Entwicklung realer Anwendungsfälle für High-Throughput-Produktionsumgebungen.
Das größte Problem derzeit? Renault spricht es ungewohnt offen aus
Bei Wandercraft lässt sich diese Frage deutlich konkreter beantworten als bei den meisten Wettbewerbern. Renault nennt explizit zwei zentrale Herausforderungen: Robustheit und die Integration in eine Produktionsumgebung mit hohen Taktgeschwindigkeiten. Gleichzeitig sollen feinfühligere Hände in Zukunft präzisere Arbeiten ermöglichen.
Dies ist genau der Punkt, an dem sich die humane Robotikentwicklung derzeit entscheidet. Einen Karton zehnmal erfolgreich zu bewegen, ist eine Demonstration. Einen Prozess zehntausendfach mit einer Verfügbarkeit nahe der klassischen Industrieautomatisierung auszuführen, ist ein Produktionssystem.
Preis und Wirtschaftlichkeit
Wandercraft und Renault haben noch keinen offiziellen Stückpreis für den Calvin-40 veröffentlicht. Wandercraft behauptet auf seiner Produktseite, dass wiederkehrende Arbeitsabläufe mit Calvin bis zu dreimal kosteneffizienter werden könnten. Ohne veröffentlichte Annahmen zu Anschaffungspreis, Lebensdauer, Wartung und Auslastung lässt sich diese Aussage jedoch noch nicht unabhängig überprüfen. Die erste Serienauslieferung ist für das erste Halbjahr 2027 angekündigt.
Die Partnerschaft mit Renault deutet zudem darauf hin, dass die Kostensenkung ein aktives Entwicklungsfeld bleibt: „Design-to-Cost“ und eine skalierte Produktion werden explizit als Ziele der Zusammenarbeit genannt.
Logistische Bewertung
Wer schwere Behälter oder größere Bauteile in einer für Menschen gebauten Umgebung bewegen muss – und dafür tatsächlich Beine benötigt –, sollte Calvin sehr genau im Auge behalten.
3. Agile Robots Agile ONE – der vielleicht fähigste europäische Humanoide
Agile Robots mit Sitz in München wählt einen etwas anderen Ansatz. Das Unternehmen hat seine Wurzeln in der Industrierobotik, Automatisierung und KI und verfügt daher über ein breites bestehendes Ökosystem aus Roboterarmen, mobilen Robotern, Software und Systemintegration. Der Agile ONE soll nicht als isolierter humanoider Roboter fungieren, sondern als integraler Bestandteil dieses vernetzten Automatisierungssystems.
Technisch sticht insbesondere die Hand hervor. Agile Robots nennt 21 Gelenke, modulare Finger sowie integrierte Kraft- und Taktilsensoren. Der Roboter verfügt zudem über Kameras, LiDAR, Spracherkennung, Annäherungssensoren, ein Display auf der Brust und visuelle Statusanzeigen. Seine Gehgeschwindigkeit wird offiziell mit 2 m/s bzw. 7,2 km/h angegeben, was deutlich über der von NEURA veröffentlichten Geschwindigkeit liegt.
Interessanterweise hat Agile Robots noch keine konkrete Traglast in Kilogramm veröffentlicht. Auf der Produktseite wird lediglich von einer „leistungsstarken Traglast“ gesprochen. Dies stellt eine erhebliche Informationslücke für technische Beschaffungsvergleiche dar. Gerade in der Logistik sollte man daher keine hypothetische Traglast aus Videos oder der Leistungsfähigkeit einzelner Agile Robots-Arme ableiten.
Welche Fähigkeiten nennt Agile Robots offiziell?
Agile Robots beschreibt bereits ein außergewöhnlich breites Anwendungsspektrum: Materialhandhabung, Pick-and-Place, Maschinenbeschickung, Werkzeugnutzung und präzise Manipulationsaufgaben. Der Agile ONE soll autonom zwischen Arbeitsstationen navigieren, mit Menschen kollaborieren und komplexe Aufgaben über ein „Robot Foundation Model“ ausführen.
Dieses Modell kombiniert reale Produktionsdaten, Simulationsdaten, Teleoperationsdaten und von Menschen aufgezeichnete Bewegungsdaten. Die Architektur soll strategische Aufgabenplanung, schnelle Reaktion und Feinmotorik über verschiedene Ebenen hinweg integrieren.
Für die Logistik ist die Kombination aus einer hochentwickelten Hand und einer mobilen Ganzkörperplattform besonders spannend. Viele heutige Automatisierungssysteme scheitern nicht daran, einen Behälter von A nach B zu bewegen – das können AMRs bereits hervorragend –, sondern daran, unterschiedliche Teile in diesem Behälter flexibel zu identifizieren und sicher zu greifen. Genau hier könnte der Agile ONE langfristig seine größte Stärke ausspielen.
Partnerschaften: Google DeepMind, Telekom/NVIDIA und ein wachsendes Integrationsnetzwerk
Im März 2026 kündigte Agile Robots eine strategische Forschungspartnerschaft mit Google DeepMind an. Geplant ist die Kombination der Gemini Robotics Foundation Models mit der Hardware von Agile. Beide Unternehmen wollen reale Systeme einsetzen, Daten sammeln, die Modelle weiter trainieren und diesen Zyklus kontinuierlich wiederholen. Der Fokus liegt explizit auf industriellen Anwendungen, bei denen Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit entscheidend sind.
Zudem nutzt Agile Robots die Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom und NVIDIA. Diese Infrastruktur basiert laut Unternehmen auf 10.000 NVIDIA-GPUs und wird für das Training und die Generierung von Simulationsdaten genutzt.
Gleichzeitig baut Agile Robots seine Integrationskompetenz massiv aus. Im Jahr 2026 wurden Vermögenswerte von thyssenkrupp Automation Engineering übernommen und unter dem Namen Krause Automation fortgeführt. Damit sichert sich Agile jahrzehntelange Erfahrung im Anlagenbau und in der Systemintegration. Im August 2026 übernahm das Unternehmen die Mehrheit am indischen Fabrik- und Intralogistikspezialisten XNG Automation. XNG verfügt unter anderem über Erfahrung in der Systemintegration, Bildverarbeitung und Hochdurchsatz-Automatisierung.
Was ist derzeit die größte Herausforderung?
Agile Robots nennt öffentlich keine einzelne, zentrale Schwachstelle. Die aktuellen Entwicklungen zeigen jedoch einen klaren Fokus: Hochentwickelte KI und Manipulation in eine reproduzierbare industrielle Lösung zu verwandeln, die sich zuverlässig und kosteneffizient in reale Fabriken integrieren lässt.
Diese Einschätzung wird durch externe Berichte gestützt. Das Wall Street Journal berichtete Anfang August 2026, dass Agile Robots zwar bereits ein sehr großes traditionelles Robotikgeschäft hat, die humanoiden Systeme jedoch noch auf Pilotprojekte beschränkt sind. Das bedeutet nicht, dass der Agile ONE technisch schwach ist – im Gegenteil. Es bedeutet, dass bisher weniger öffentlich zugängliche Daten zu realem Dauerbetrieb, Uptime, Taktzeiten und Wartungsaufwand vorliegen als beispielsweise konkrete Prozessdaten aus den Kooperationen von Renault/Wandercraft oder SAP/NEURA.
Die DeepMind-Partnerschaft verdeutlicht zudem die Bereiche, an denen intensiv gearbeitet wird: bessere Generalisierung, adaptives Denken und ein Datenkreislauf aus Einsatz, Datenerfassung, Training und erneuter Bereitstellung.
Preis
Auf den Webseiten des Herstellers und in den jüngsten von mir geprüften Pressemitteilungen gibt es nach wie vor keinen öffentlich zugänglichen Anschaffungspreis oder RaaS-Tarif für den Agile ONE. Eine verlässliche TCO-Kennzahl wurde ebenfalls nicht veröffentlicht. Der Start der Serienproduktion ist laut Ankündigung für Anfang 2026 in einer neuen Produktionsstätte in Bayern geplant.
Logistische Bewertung
Wenn es um Greifen, taktile Sensorik und die Verbindung von Roboterhardware mit modernen Foundation-Modellen geht, gehört der Agile ONE zu den technisch spannendsten Kandidaten in Europa. Was ihm derzeit noch für den ersten Platz fehlt, sind vor allem transparentere Daten zu Traglast, Laufzeit, Preis und der Langzeitperformance in realen Logistikinstallationen.
4. Oversonic Robotics RoBee F – der von Anfang an konsequent für die Logistik gedachte Humanoide
Ein genauerer Blick lohnt sich auf den italienischen Hersteller Oversonic. Die RoBee-Familie umfasst verschiedene Versionen. Für diesen Vergleich ist der RoBee F besonders interessant, da dieses Modell gezielt für die Intralogistik entwickelt wurde. Im Gegensatz zu klassischen zweibeinigen Humanoiden steht der RoBee F auf einer omnidirektionalen AMR/AGV-Plattform und kombiniert einen humanoiden Oberkörper mit einem hinteren Transportmodul.
Aus Logistik-Perspektive ist das extrem pragmatisch. Ein Hallenboden erfordert in der Regel kein Treppensteigen. Räder sind energieeffizient, standsicher und seit Jahren industriell erprobt. Oversonic kann dadurch deutlich mehr Traglast bewegen, als über die Arme handhabbar ist.
Laut Hersteller ist der RoBee F rund 2,00 Meter groß und wiegt 850 kg. Die beiden 7-Achs-Arme haben eine Reichweite von 120 cm. Die Traglast beträgt 10 kg mit einem Arm bzw. 20 kg mit beiden Armen. Das hintere Transportmodul hingegen kann bis zu 500 kg aufnehmen. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 0,6 m/s. Oversonic gibt eine typische Batterielaufzeit von bis zu acht Stunden an. Die Hinderniserkennung erfolgt über ein SIL-3-System; acht Kameras, LiDAR und Tiefenkameras ergänzen die Wahrnehmung.
Für Manipulationsaufgaben veröffentlicht Oversonic ungewohnt präzise Genauigkeitswerte: ±0,5 mm Wiederholgenauigkeit, ±1 mm deterministische Genauigkeit und ±5 mm „kognitive“ Genauigkeit. Diese Werte sind jedoch Herstellerangaben und nicht das Ergebnis eines herstellerübergreifenden Benchmarks.
Bestehende Logistik-Fähigkeiten
Laut Hersteller kann der RoBee F autonom Routen planen, Paletten und Industriebehälter transportieren, Pick-and-Place-Aufgaben ausführen und dynamisch in gemeinsam genutzten Umgebungen navigieren. Das vertikale pneumatische Design mit axialer Rotation erweitert den Arbeitsbereich für Regale, Behälter und unterschiedliche Arbeitshöhen.
Besonders relevant ist die IT-Seite: Oversonic beschreibt explizit die Kompatibilität mit MES, WMS und Industrial IoT-Plattformen, zentralem Flottenmanagement, Echtzeit-Monitoring und Materialflussoptimierung. Damit adressiert RoBee F von Beginn an genau die Integrationsebene, die in realen Logistikprojekten oft mehr Aufwand verursacht als der Roboter selbst.
Die breitere RoBee-Plattform bietet zudem KI-basierte Objekterkennung, kognitive und adaptive Pick-and-Place-Funktionen, Datenerfassung und -analyse sowie die Zusammenarbeit mit automatisierten Lagersystemen.
Partnerschaften und reale Einsätze
Besonders interessant ist die Zusammenarbeit mit STMicroelectronics. Ende 2025 wurde eine Liefervereinbarung über die Einführung maßgeschneiderter RoBee-Systeme in den Produktions- und Logistikprozessen mehrerer ST-Standorte bekannt gegeben. Der erste Roboter wurde im hochentwickelten Verpackungs- und Testwerk von ST in Malta eingesetzt, eine erste Flotte soll folgen.
Zudem arbeitet Oversonic mit SEW-EURODRIVE an Smart-Factory-, Logistik- und kollaborativen Automatisierungsszenarien, einschließlich Pick-and-Place und Umgebungsüberwachung. Ein Forschungsprojekt mit der Universität Genua widmet sich der Entwicklung neuartiger Roboterhände aus flexiblen Materialien.
Im Juni 2026 investierten STMicroelectronics, die Fondazione ENEA Tech Biomedical und SpotInvest zudem in Oversonic. Das Kapital und die Industriepartnerschaften sollen explizit die industrielle, technologische und internationale Expansion sowie den Ausbau der Produktionskapazitäten und Anwendungen beschleunigen.
Woran arbeitet Oversonic aktuell?
Oversonic nennt keine einzelne „größte Schwachstelle“. Aus den öffentlichen Entwicklungsprogrammen lassen sich jedoch zwei sehr klare Schwerpunkte ablesen: der Ausbau der industriellen Produktionskapazität und die Weiterentwicklung der Manipulationsfähigkeiten, speziell der Roboterhände. Die Zusammenarbeit mit der Universität Genua für die nächste Generation von Händen ist hierfür ein konkretes Beispiel. Gleichzeitig sollen Plattform und Produktionskapazitäten mit den neuen Industrieinvestoren wachsen.
Aus logistischer Sicht ist die aktuelle Architektur für den schweren Transport bereits robust, während die aktive Manipulationslast für beide Hände mit 20 kg deutlich unter der von NEURA und dem von Renault beschriebenen Calvin-Niveau liegt. Dies ist jedoch ein stückweit gewolltes Systemdesign: Das Fahrzeug trägt die schweren Lasten, die Arme übernehmen die Manipulation.
Preis
Oversonic veröffentlicht auf den von mir geprüften Produktseiten keinen offiziellen Listenpreis für den RoBee F. Ein italienisches Technologieportal berichtete im Jahr 2025 von einem Preis von ca. 140.000 Euro pro RoBee-Einheit. Diese Zahl ist explizit als externe Marktschätzung und nicht als aktuelles offizielles Angebot zu verstehen. Zudem ist unklar, ob dieser Wert für die aktuelle F-Konfiguration inklusive des 500-kg-Transportmoduls gilt.
Logistische Bewertung
Für wen „humanoid“ nicht zwingend mit „muss zwei Beine haben“ gleichzusetzen ist, der findet im RoBee F ein außergewöhnlich logisches Logistikkonzept. In den Bereichen Materialfluss, WMS/MES-Integration und kombinierte Transport-/Manipulationsarchitektur gehört Oversonic zu den spannendsten europäischen Anbietern.
5. igus Iggy Rob Industrial – der Low-Cost-Ansatz für die Praxis
Der Iggy Rob von igus ist der wohl unkonventionellste Kandidat in diesem Vergleich. Ähnlich wie Oversonic verzichtet igus bewusst auf Beine und setzt stattdessen auf eine bewährte mobile Roboterbasis. Das Unternehmen begründet diese Entscheidung bemerkenswert pragmatisch: Für viele reale Industrieanwendungen seien laufende Beine derzeit weder notwendig noch wirtschaftlich darstellbar.
Die aktuelle Iggy-Plattform basiert auf dem ReBeLMove Pro. Für die im Jahr 2026 vorgestellte Plattform nennt igus eine Tragfähigkeit von bis zu 250 kg für die mobile Basis, eine Höhe von 1,30 bis 1,70 m je nach Konfiguration, 16 Freiheitsgrade und bis zu acht Stunden autonome Laufzeit. Standardmäßig kommen zwei ReBeL-Roboterarme mit jeweils 2,5 kg Traglast zum Einsatz; alternativ können andere Cobots oder humanoide Hände integriert werden. Die Navigation erfolgt über LiDAR und 3D-Kameras.
In den offiziellen Spezifikationen zeigt sich jedoch eine Diskrepanz. Auf der noch erreichbaren Produktseite des Iggy Rob wird ein Robotergewicht von 101 kg, ein maximales Bauteilgewicht von 1,5 kg, zwei Arme mit je 2 kg Traglast und eine Tragfähigkeit von 50 kg bzw. eine Nutzlast von 100 kg für die ältere ReBeLMove Pro-Konfiguration angegeben. Die neuere Pressemitteilung vom Juni 2026 nennt hingegen 2,5 kg pro Arm und bis zu 250 kg für die Plattform.
Welche Aufgaben kann der Iggy Rob übernehmen?
igus nennt den Transport von Waren, die Maschinenbeschickung und einfache Montageschritte als Aufgaben für den Iggy Rob Industrial. Die Plattform lässt sich über ROS 2 integrieren, Endeffektoren und Sensorik sind austauschbar. Zudem verfügt er über eine Schnittstelle für das Flottenmanagement und eine CE-Zertifizierung.
Dieser Ansatz ist besonders für kleine und mittlere Logistik- und Produktionsbetriebe interessant. Iggy muss nicht das gesamte Spektrum menschlicher Motorik abbilden. Ein Großteil der heutigen manuellen Tätigkeiten in der Materialwirtschaft besteht aus Fahren, dem Positionieren von Behältern, dem Entnehmen leichter Bauteile, dem Bestücken von Maschinen oder einfachen Übergabeprozessen. Für diese Aufgaben kann eine kostengünstige, offene und vergleichsweise einfach zu integrierende Plattform wirtschaftlich attraktiver sein als ein deutlich komplexerer zweibeiniger Roboter.
Das „Dynamic Mission Data Interface“ soll es ermöglichen, Missionen über das Netzwerk zu starten und Daten bidirektional in Echtzeit auszutauschen. Damit lassen sich auch externe KI-Systeme innerhalb einer Mission einbinden.
Partnerschaften und Ökosystem
Anders als bei NEURA, Wandercraft oder Oversonic finden sich in den öffentlich zugänglichen Dokumenten keine ähnlich konkreten, Iggy-spezifischen Partnerschaften mit Großkunden, bei denen bereits Hunderte von Robotern angekündigt oder konkrete Produktionsprozesse öffentlich identifiziert wurden.
Stattdessen setzt igus auf ein offenes Ökosystem. Mechanik, Elektronik und Software werden von igus in Köln in Kooperation mit Commonplace Robotics by igus in Osnabrück entwickelt. Über den Marktplatz RBTX bietet das Unternehmen zudem ein breites Robotik-Ökosystem an. Dieses umfasste laut igus zur Hannover Messe 2026 rund 100 humanoide Modelle von 35 Anbietern. Für Kunden bietet igus zudem „Test before you invest“, Integrationsunterstützung sowie verschiedene Nutzungs- und Finanzierungsmodelle an.
Das größte Problem: Die Kosten – und igus sagt es selbst
Die wesentliche Markthürde bringt igus sehr direkt auf den Punkt: Der Einsatz von humanoiden Robotern in der industriellen Praxis scheitere derzeit vor allem an den Kosten. Die Antwort des Unternehmens ist daher nicht der technisch komplexeste Roboter, sondern die gezielte Kombination aus Komponenten der Low-Cost-Automation und bewährter AMR-Technik.
Technisch erkauft sich igus diesen Vorteil mit einer geringeren Handhabungskapazität. Eine Traglast von 2 bis 2,5 kg pro Arm reicht für viele Kleinteile und einfache Maschinenbeschickungen aus, ist aber nicht vergleichbar mit den 40–50 kg eines Calvin oder der maximalen Kapazität von 100 kg bei NEURA. Genau hier dürfte auch der wichtigste technische Entwicklungsschritt liegen: mehr Agilität und Traglast, ohne das Low-Cost-Prinzip aufzugeben.
Preis
Zum Marktstart im Jahr 2025 nannte igus einen Anschaffungspreis von 47.999 Euro für den Iggy Rob Industrial. Damit war der Roboter einer der wenigen europäischen Humanoiden mit einem tatsächlich veröffentlichten Kaufpreis.
Da die Plattform im Jahr 2026 technisch weiterentwickelt wurde und igus mittlerweile verschiedene Modelle und Konfigurationen anbietet, ist der Wert von 47.999 Euro heute als zuletzt veröffentlichter Einstiegspreis für die Industrial-Variante zu verstehen, nicht als verbindlicher Preis für jede aktuelle Konfiguration. Das im Jahr 2026 vorgestellte Home-Modell startet beispielsweise bei 55.000 Euro.
Logistische Bewertung
Der Iggy Rob ist nicht der technisch fähigste Humanoide im Vergleich. Er könnte jedoch einer der wirtschaftlich sinnvollsten Einstiege sein, wenn es darum geht, leichte Handhabung, innerbetrieblichen Transport und einfache Maschinenbedienung zu automatisieren.
Wie viel kostet ein humanoider Roboter im Jahr 2026 wirklich?
Die reine Hardware ist nur ein Teil der Gleichung. Zu einem wirtschaftlichen Logistikprojekt gehören auch die Integration in WMS/ERP und Flottenmanagement, ein Sicherheitskonzept, das Prozess-Engineering, Schulungen, Endeffektoren, Ladeinfrastruktur, Wartung, Ersatzteile und gegebenenfalls die menschliche Fernunterstützung.
Dennoch lässt sich das Preisspektrum nun erstmals konkret fassen. NEURA nennt offiziell 98.000 Euro bzw. 60.000 Euro ab 20 Einheiten. igus hat für den Iggy Rob Industrial einen Preis von 47.999 Euro veröffentlicht. Für den RoBee nennen externe Berichte ca. 140.000 Euro, während Wandercraft und Agile Robots noch keine öffentlichen Stückpreise nennen.
Damit bewegen sich die europäischen Systeme im Wesentlichen in dem von McKinsey beschriebenen aktuellen Marktspektrum von ca. 30.000 bis 150.000 US-Dollar, auch wenn Sonderausstattungen und Integrationsleistungen zu deutlich höheren Projektkosten führen können.
Für einen Logistikleiter ist daher nicht der Anschaffungspreis pro Roboter die entscheidende Kennzahl, sondern der Preis pro produktive Arbeitsstunde bzw. pro fehlerfreiem Prozesszyklus. Ein 60.000-Euro-Roboter mit geringer Uptime kann am Ende teurer sein als ein 150.000-Euro-System, das im Drei-Schicht-Betrieb zuverlässig durcharbeitet.
Fazit: Wer hat 2026 technologisch die Nase vorn?
Im Gesamtklassement liegt NEURA Robotics mit dem 4NE1 derzeit knapp in Führung. Die Kombination aus hoher nomineller Traglast, kognitiver Sensorik, feinfühligen Händen, offener Software-Integration, einem konkreten SAP EWM-Pilotprojekt und einer extrem starken Industrialisierungspartnerschaft mit Schaeffler ist in Europa derzeit kaum zu schlagen.
Wandercraft ist beim schweren, zweibeinigen Arbeiten womöglich sogar noch einen Schritt weiter. Der Feldtest bei Renault im realen Reifenhandling und das offene Benennen der verbleibenden Baustellen – Robustheit, High-Speed-Integration und feinfühligere Hände – machen den Calvin-40 besonders glaubwürdig.
Agile ONE dürfte das größte Potenzial in der feinen Manipulation und Physical AI haben. 21 Gelenke in der Hand, taktile Sensoren, reale Industriedaten und die Partnerschaft mit Google DeepMind sind eine technisch extrem starke Kombination. Für eine noch bessere Platzierung fehlen jedoch veröffentlichte Daten zu Traglast, Laufzeit und dem Dauerbetrieb des Humanoiden.
Oversonic hat den vielleicht pragmatischsten Logistikroboter gebaut. 500 kg transportieren, 20 kg mit beiden Händen manipulieren und gleichzeitig WMS, MES und Flottenmanagement unterstützen – das ist für viele reale Materialflüsse relevanter als Treppensteigen.
igus wiederum demonstriert, wie ein alternativer Weg aussehen kann: Weniger spektakuläre Mechanik, dafür ein bewusst günstiges, modulares und AMR-basiertes System. Sollte die humane Robotik tatsächlich in großer Zahl den Weg in den Mittelstand finden, könnte dieser konsequente Low-Cost-Ansatz strategisch wichtiger werden, als es der fünfte Platz im ersten Moment vermuten lässt.
Die wichtigste Entwicklung der nächsten zwei Jahre wird daher voraussichtlich nicht sein, welcher Roboter die spektakulärste neue Fähigkeit demonstriert. Entscheidend wird sein, welcher Hersteller als Erster nachweisen kann, dass Hunderte von humanoiden Robotern im Mehrschichtbetrieb mit einer Verfügbarkeit, Sicherheit und TCO laufen, die ein Logistikleiter von klassischer Automatisierung akzeptiert.
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Quellen:
Fraunhofer IML — LogiMAT 2026: Fraunhofer IML veröffentlicht Studie zu humanoiden Robotern in der Logistik (Forschung / Primärquelle) https://www.iml.fraunhofer.de/de/presse_medien/pressemitteilungen/studie-humanoide-roboter-logistik.html
Fraunhofer IML — Humanoide Robotik in der Logistik – Branchenbefragung, Marktstudie, Handlungsempfehlungen (Studie / Primärquelle) https://www.iml.fraunhofer.de/content/dam/iml/en/documents/studies/Humanoid-robotics-Fraunhofer-IML.pdf
Fraunhofer IPA — Fraunhofer IPA entwickelt standardisierte Analysen für anwendungsrelevante Kriterien humanoider Roboter (Forschung / Primärquelle) https://www.ipa.fraunhofer.de/en/press-media/press_releases/benchmark-for-humanoid-robots.html
McKinsey & Company — Humanoid robots: Crossing the chasm from concept to commercial reality (Marktstudie) https://www.mckinsey.com/industries/industrials/our-insights/humanoid-robots-crossing-the-chasm-from-concept-to-commercial-reality
McKinsey & Company — Turning humanoid supply-chain constraints into billion-dollar wins (Marktstudie) https://www.mckinsey.com/industries/industrials/our-insights/turning-humanoid-supply-chain-constraints-into-billion-dollar-wins
NEXERY — 2026 Humanoid Robotics Study – Key Findings (Marktstudie) https://www.nexery.de/en/insights/humanoide-roboter-studie-2026
NEURA Robotics — 4NE1 – Ihr humanoider Teamkollege der nächsten Generation (Hersteller / Primärquelle) https://neura-robotics.com/de/produkte/4ne1/
NEURA Robotics — 4NE1 Gen 3.5 vorbestellen – Features und Preise (Hersteller / Primärquelle) https://neura-robotics.com/de/produkt/4ne1-reservierung/
SAP — BITZER unterstützt SAP-Pionierprojekt für verkörperte KI (Kunde/Partner / Primärquelle) https://news.sap.com/2026/01/bitzer-sap-pioneer-project-embodied-ai/
NEURA Robotics / Schaeffler — Technologiepartnerschaft für humane Industrierobotik (Hersteller/Partner / Primärquelle) https://neura-robotics.com/de/starten-statt-warten-schaeffler-und-neura-robotics-starken-mit-technologiepartnerschaft-den-wirtschaftsstandort-deutschland/
NEURA Robotics — Series-C-Finanzierung von bis zu 1,4 Milliarden Dollar – Skalierung der Produktion und Physical AI (Hersteller / Primärquelle) https://neura-robotics.com/de/rekord-series-c/
Wandercraft — Calvin-40 – Produkt- und Anwendungsinformationen (Hersteller / Primärquelle) https://de.wandercraft.eu/calvin-40
Renault Group — Calvin: Ein Roboter der neuen Generation ist geboren (Industriekunde / Primärquelle) https://www.renaultgroup.com/en/magazine/technology/calvin-a-new-generation-robot-is-born/
Renault Group — Strategische Partnerschaft mit Wandercraft (Industriekunde/Partner / Primärquelle) https://media.renaultgroup.com/renault-group-finalises-a-strategic-partnership-with-wandercraft-a-leader-in-next-generation-robotics/?lang=eng
Wandercraft — Wandercraft und SAPA verkünden Implementierungspartnerschaft (Hersteller / Primärquelle) https://www.wandercraft.eu/articles/wandercraft-and-sapa-announce-deployment-partnership-in-industrial-manufacturing-cementing-europes-emerging-championship-in-the-humanoids-race
Agile Robots — Agile ONE – Die nächste Evolution der Physical AI (Hersteller / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/en/solutions/agile-one/
Agile Robots — Agile Robots startet Produktion des Agile ONE in Deutschland ab 2026 (Hersteller / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/de/news/detail/agile-robots-produziert-industriellen-humanoiden-roboter-agile-one-ab-2026-in-deutschland/
Agile Robots / Google DeepMind — Strategische Forschungspartnerschaft für KI-Robotik (Hersteller/Partner / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/de/news/detail/agile-robots-and-google-deepmind-partner-to-bring-intelligence-to-robotics/
Agile Robots / Deutsche Telekom / NVIDIA — Industrial AI Cloud – Agile Robots als Ankerkunde (Hersteller/Partner / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/de/news/detail/agile-robots-wird-ankerkunde-von-europas-erster-industrial-ai-cloud/
Agile Robots — Übernahme von thyssenkrupp Automation Engineering abgeschlossen (Hersteller / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/de/news/detail/agile-robots-schliesst-uebernahme-von-thyssenkrupp-automation-engineering-ab/
Agile Robots — Übernahme des BMW Spin-offs idealworks (Hersteller / Primärquelle) https://www.agile-robots.com/de/news/detail/agile-robots-uebernimmt-bmw-group-spin-off-idealworks-vollstaendig/
Oversonic Robotics — RoBee F – Humanoider Roboter für Intralogistik und kognitive Automatisierung (Hersteller / Primärquelle) https://www.oversonicrobotics.com/robee-f/
Oversonic Robotics — Intralogistik – RoBee F und WMS/MES-Integration (Hersteller / Primärquelle) https://www.oversonicrobotics.com/intralogistics/
Oversonic Robotics — Liefervereinbarung mit STMicroelectronics (Unternehmensmitteilung / Primärquelle) https://www.prnewswire.co.uk/news-releases/oversonic-robotics-signs-humanoid-robots-supply-agreement-with-stmicroelectronics-302647595.html
Oversonic Robotics — Forschung & Entwicklung – Strategische Partnerschaften (Hersteller / Primärquelle) https://www.oversonicrobotics.com/research-development/
Oversonic Robotics — STMicroelectronics, Fondazione ENEA Tech Biomedical und SpotInvest beteiligen sich (Unternehmensmitteilung / Primärquelle) https://www.prnewswire.com/news-releases/oversonic-robotics-stmicroelectronics-fondazione-enea-tech-biomedical-and-spotinvest-acquire-a-stake-in-the-company-302806639.html
Corriere della Sera – Turin — RoBee: gemeldeter Stückpreis von ca. 140.000 Euro (Sekundärquelle – Preisinformation) https://torino.corriere.it/notizie/economia/25_luglio_17/torino-apre-la-prima-fabbrica-di-umanoidi-sono-i-nuovi-operai -1-85-centimetri-per-120-kg-di-stazza-df890c99-108f-46c4-82e2-e7825ba1axlk.shtml
igus — iggyRob – Produktinformationen (Hersteller / Primärquelle) https://www.igus.eu/product/0-LCA-IROB?artnr=0-LCA-IROB
igus — Humanoide Robotik aus Deutschland: igus bringt neuen Service-Roboter auf den Markt (Hersteller / Primärquelle) https://press.igus.eu/humanoid-robotics-from-germany-igus-launches-new-service-robot/
igus — Für unter 50.000 €: igus präsentiert den humanoiden Roboter Iggy Rob (Hersteller / Primärquelle) https://press.igus.eu/for-less-than-e50000-igus-presents-humanoid-robot-iggy-rob/
igus — ReBeLMove Pro: modulare Roboterplattform für Logistik, Montage und Handling (Hersteller / Primärquelle) https://press.igus.com/2025/11/26/rebelmove-pro-modular-robot-platform-for-logistics-assembly-and-handling/
igus — Hannover Messe 2026: RBTX / Humanoide Robotik im Zulieferer-Ökosystem (Hersteller / Primärquelle) https://press.igus.eu/igus-sets-the-course-for-worldwide-growth-and-fast-delivery-times-with-investments-in-automation-and-local-production/
SEW-EURODRIVE / Oversonic — RoBee zieht in die Smart Factory ein – gemeinsame Erprobung (Partner / Primärquelle) https://media.sew-eurodrive.com/sew_it/media/sew-eurodrive/italy/comunicati-stampa/2024-1/robee/24-10-sew-oversonic-robee-def.pdf